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Getanztes Drama in fünf Akten
Die von der amerikanischen Stadtschamanin Gabrielle Roth entwickelten „5Rhythmen“ sind eine mittlerweile auf der ganzen Welt bekannte und verbreitete Tanzpraxis zur Erfahrung und Erforschung des eigenen Selbst. Anne Rotthaus, in Schweden lebende Psychologin, hat in ihrem ersten 5Rhythmen Workshop Bemerkenswertes erlebt, das sie hier schildert. Wer Ähnliches – oder ganz anderes – im Tanz erfahren möchte, hat dazu im Februar Gelegenheit. Ya‘Acov Darling-Khan, Freund und enger Mitarbeiter von Gabrielle Roth, kommt wieder für einen Workshop nach Hamburg.
„Willkommen, du bist die Letzte. Schließe die Tür hinter dir“, begrüßt mich ein braungebrannter, junger Mann mit ausgebleichtem schulterlangem Haar und leuchtend gelbem, eng anliegendem T-Shirt. Er legt die Musik auf. Es muss Jonas Klingberg, der Tanzlehrer sein. An jedem anderen Ort hätte ich mein letztes Hemd darauf verwettet, dass er sich als Surf- oder Skilehrer verdingt. Es riecht nach Holz und Weihrauch. Sonnenlicht flutet durch hohe Fenster in den Saal. Die anderen Teilnehmer wärmen sich zu den Klängen afrikanischer Trommelmusik auf. Den provisorischen Altar schmücken orangene Rosen und eine großzügige Anzahl Kerzen. Abrupter Musikwechsel. „I will survive“ dröhnt jetzt aus den Lautsprechern und ich hoffe, das trifft auch auf mich zu. Mein Gefühl sagt mir, dass die anderen Teilnehmer sich nicht nur schon lange kennen, sondern auch in der Kunst der Bewegung ungewöhnlich bewandert sind.
Für mich ist es das erste Mal, dass ich die 5Rhythmen tanze. Eigentlich wollte ich einen Kurs in Improvisationstanz buchen, habe aber die Anmeldefrist verpasst. Der 5Rhythmen-Flyer sprach mich an und so bin ich mit 15 anderen Teilnehmern heute an einem sonnigen Herbstwochenende in der Aula der Waldorfschule in Örebro gelandet. Örebro ist eine für hiesige Verhältnisse große Stadt in Südschweden, ziemlich genau in der Mitte einer gedachten Linie zwischen Stockholm und Oslo. Jonas Klingberg ist einer der wenigen von Gabrielle Roth ausgebildeten Tanzlehrer in Skandinavien.
Der Wochenend-Workshop beginnt mit Theorie. Wir erfahren, dass die Rhythmen eine Reihe von heilenden „Landkarten“ für den Körper, das Herz, den Verstand und die Seele sind. „Der Rhythmus als lebendiger Prozess ist das Fundament von Gabrielle Roths Lehre“, erklärt Jonas Klingberg. Gabrielle Roth ist eine international anerkannte Theaterdirektorin, Tanzlehrerin und Heilerin. Im Laufe der letzten 35 Jahre hat sie an Schulen, Spitälern, Theatern und anderen Zentren für persönliches Wachstum gearbeitet. Eines davon ist das berühmte Esalen Institut. Ihre Berufung sei es, ihr Leben der Erforschung und Verbreitung der Sprache ursprünglicher Bewegung und experimentellen Theaters zu widmen. Zu diesem Zweck hat Gabrielle Roth die Tanzschule „The Moving Center School“ in Mill Valley, Kalifornien, gegründet. „Dort habe ich meine Ausbildung gemacht“, erklärt unser Tanzlehrer. „Auf geht’s, bevor eure Muskeln wieder erkalten. Wir beginnen mit Flowing, der Mutter aller Rhythmen.“
Flowing ist Ausgangspunkt der 5Rhythmen. Die Tänzer verbinden sich über die Füße, die Wurzeln, mit dem Ursprung, der Erde. Jonas Klingberg glaubt, dass uns dieser Rhythmus lehren kann, unsere Energien zu zentrieren und zu unserer Mitte zurückzukehren. Im Flowing soll es möglich sein, sich selbst von innen nach außen zu heilen.
Meine Vorstellung von dem, was jetzt geschehen soll, ist vage. Unser Lehrer macht es vor. Er gleitet, schwingt, dreht sich zu weichen Klängen. Seine Bewegungen scheinen leicht, fließend, entspannt, aber auch elegant und geordnet. Nach und nach kommt ein Teilnehmer nach dem anderen ins Fließen. Meine Füße sind wie festgewachsen. Ich fühle mich plump und unfähig zu Weichheit und Bewegung. Panik breitet sich in mir aus. „Atme tief durch und sei Anfängerin“, erlaube ich mir selbst. Jonas Klingberg versprach, dass es möglich sei zu fühlen, wo im Körper Lust zur Bewegung entsteht. Ich schließe die Augen und spüre erst einmal gar nichts. Irgendwann übernehmen meine Füße die Führung. Die Außenwelt zerfließt in einem Meer bunter Punkte. Mein letzter Gedanke ist, dass ich doch eigentlich zu misstrauisch bin, um in unbekannter Umgebung auf meine mentale Kontrolle zu verzichten.
Zurück im Kreis glühen meine Wangen. Die Augen der anderen Teilnehmer glänzen. Das Eis ist gebrochen. Nun wird uns der zweite Rhythmus erklärt. Er heißt Staccato. Es geht um die männliche Kraft zu Abgrenzung, Formfindung und Disziplin. Es ist ein gutes Gefühl, sich wie ein Fels der Brandung zu stellen, den Wellen standzuhalten. Der Boden vibriert unter dem Stampfen der Teilnehmer. Mir ist die Anwesenheit der anderen Tänzer bewusst, doch sie interessieren mich nicht. Konzentriert bewege ich mich auf den unsichtbaren Linien meiner Entschlossenheit. Tatendrang elektrisiert meine Bewegungen.
In der Pause trinken wir Wasser. Ich bin tatsächlich die einzige „Neue“. Die anderen Tänzer sind zum Teil von weit her angereist, um dabei zu sein, und das nicht zum ersten Mal. Der dritte der Rhythmen, das Chaos, erschreckt mich. Ich verstehe den Sinn und die Notwendigkeit, sich mit dem Chaos anzufreunden. Doch ich will nicht. Trotzig stelle ich mich ans Fenster und wehre mich dagegen, meine gerade ertanzte Klarheit wieder zu verlassen. Ein schwarzer Wolkenfetzen zieht über die Sonne und verhöhnt meinen Wunsch, die Unordnung auszusperren. Zögerlich beginne ich zu tanzen und bringe meine Traurigkeit über die Verdunkelung des Sonnenlichts zum Ausdruck. Verwirrung breitet sich in mir aus und ich verstehe nicht, wer ich bin und wohin ich will. Gerade als ich die getanzte Verwirrung zu genießen beginne, muss ich auch schon wieder damit aufhören. „Beim nächsten Mal bin ich mutiger“, verspreche ich mir selbst und stelle erstaunt fest, dass ich mich längst entschieden habe, beim nächsten Workshop wieder dabei zu sein.
Der vierte Rhythmus nennt sich Lyrical. Er stellt sich von selbst ein, wenn man loslässt, behauptet unser Lehrer. Für mich trifft es zu. Goethes Worte „Keulen, zerschmettert mich / Blitze, durchwettert mich / Dass ja das Nichtige / Alles verflüchtige“ tauchen kurz auf und verschwinden wieder. Jonas Klingberg hat nicht zu viel versprochen. Im Chaos entsteht die Sehnsucht nach Schönheit, nach Leichtigkeit und Freude ganz von selbst.
Der Abschluss der Welle ist die Stille. Die Kraft der Bewegung verebbt und lässt das Wasser spiegelblank zurück. Die Logik der 5Rhythmen ist zwingend für den, der sie tanzend erfährt. Auf den Ausdruck der vier grundlegenden Muster der Bewegung muss die Stille folgen. Sie ist der friedliche Abschluss meines ersten Tanzdramas.
Anne Rotthaus
YA‘ACOV DARLING-KHAN: „Im Gleichgewicht –
5 Rhythmen als spirituelle Praxis“ • Tanzworkshop,
4.-6. Februar 2005, Fr 20.30-23 Uhr, Sa 11.30-18.30 Uhr,
So 10.30-17.30 Uhr • Teilnehmerbeitrag: 195 Euro, ermäßigt und Paare 175 Euro, Gruppen ab 5 Personen 155 Euro pro Person • Ort: Kyodo-Dojo, Mendelssohnstraße 15 b, Hamburg-Bahrenfeld • Information und Anmeldung: Wrage Seminar Service, Schlüterstraße 4, 20146 Hamburg, Telefon 41 32 97-15,
Fax 44 24 69, E-Mail seminarservice@wrage.de
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